Donnerstag, 15. Februar 2018

"Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag." Anton Tschechow (angeblich)

Pseudo-Anton-Chekhov quote.

Auf Englisch wird dieses Zitat seit 1981 Anton Tschechow unterschoben, auf Deutsch erst im 21. Jahrhundert. In den Schriften Anton Tschechows hat das inzwischen im Internet weit verbreitete Zitat noch niemand so oder so ähnlich gefunden.

Der Quote Investigator ist der Sache einmal gründlich nachgegangen und hat die Entwicklung des Falschzitats dokumentiert (Link).

 Eine frühe Variante des Aphorismus stammt aus den Film "The Country Girl", in dem Bing Crosby sagt:
  • "I faced a crisis up there in Boston, and I got away with it. Just about anybody can face a crisis. It’s that everyday living that’s rough. I’m not sure I can lick it, but I think I got a chance."
Der Film basiert auf dem Theaterstück "The Cherry Orchard" von Clifford Odets, in dem der Spruch allerdings noch nicht vorkommt. Deswegen schreibt ihn der Quote Investigator dem Drehbuchautor George Seaton zu (Link).

Später behauptet ein Tschechow-Experte im Zusammenhang mit diesem Film-Zitat, Clifford Odets stünde in der Tradition Anton Tschechows. Daraus hat sich die irrtümliche Zuschreibung des Aphorismus an Anton Tschechow entwickelt.
1981
  • "Any idiot can face a crisis - it's day to day living that wears you out." - Anton Chekhov
Pseudo-Anton-Tschechow quote.
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Quelle:
Quote Investigator: "Any Idiot Can Face a Crisis; It’s This Day-To-Day Living That Wears You Out  Anton Chekhov? Clifford Odets? Bing Crosby? George Seaton? Apocryphal?" 2016 (Link)
Ein Beispiel für eine frühe deutschsprachige Erwähnung im Usenet aus dem Jahr 2009: (Link)
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Dank
Als ich dieses Zitat sah, dachte ich mir nach einer kurzen Suche, dass es wohl ein Falschzitat sei, aber sicher war ich mir erst, als ich die Dokumentation von Quote Investigator las. Danke.

"Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, um von vornherein eigene Fehler zu vermeiden.“ Otto von Bismarck (angeblich)


Dieses in Manager-Ratgeberbüchern seit ewa 20 Jahren sehr beliebte Bismarck-Zitat ist in der Version, "Die Thoren behaupten, daß man nur immer auf seine eigenen Unkosten lernt .... ich habe immer gesucht auf Kosten anderer zu lernen", 1872 in der Übersetzung eines französischen Buchs über Napoleon III. publiziert worden.

Das anonym erschienene Buch "Le Dernier des Napoléon" des franzöischen Soldaten und Politikers Émile de Kératry enthält einige zynische Aussprüche Otto von Bismarcks, die meines Wissens sonst nirgends überliefert sind und wurde 1872 von einem unbekannten Übersetzer ins Deutsche übertragen. Die Bismarck-Zitate dieses Buches könnten also durch Rückübersetzungen aus dem Französischen entstellt sein.

Vielleicht findet man noch eine frühere Version des Zitats.

  • 1872: "Les sots prétendent qu'on n'apprend qu'à ses dépens .... J'ai toujours tâché d'apprendre aux dépens des autres." (Link) (Das ist nach den bisherigen Recherchen die früheste Erwähnung dieses Bismarck-Zitats.)
  • 1875: "Fools pretend that one learns only at his own expense; I have always striven to learn at the expense of others." (Link)
  • 1890: "Fools pretend that you can only gain experience at your own expense, but I have always managed to learn at the expense of others." (Link)
  • "Only a fool learns from his own mistakes. The wise man learns from the mistakes of others."
  •  'Fools learn from experience. I prefer to learn from the experience of others."

Entwicklung des Otto-von-Bismarck-Zitats:

  • 1872: "Die Thoren behaupten, daß man nur immer auf seine eigenen Unkosten lernt . . . . ich habe immer gesucht auf Kosten anderer zu lernen." (Link)
  • 1892: "Narren behaupten, dass man nur auf eigene Kosten Erfahrung sammeln könne; aber ich habe immer versucht, meine Erfahrungen auf Anderer Kosten zu gewinnen." (Link)
  • 1996: "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, um von vorn herein eigene Fehler zu vermeiden." (Link)
  • 2010: "Nur ein Idiot glaubt, aus eigenen Fehlern zu lernen. Ich bevorzuge, aus Fehlern anderer zu lernen, um eigene Fehler von vorneherein zu vermeiden."
Auf Deutsch war dieses Bismarck-Zitat lange vergessen, bis es 1996 Jürgen Meyer in seinem Manager-Ratgeberbuch wieder aufgriff und der Rezensent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hinwies:
  • "Wem hierzu noch das letzte Quentchen Motivation fehlt, dem sei empfohlen, über das folgende, von Jürgen Meyer aufgegriffene Zitat des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck einmal nachzudenken: "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen (auf neuhochdeutsch: ,best practices') anderer zu lernen, um von vornherein eigene Fehler zu vermeiden."
    FAZ 3. Juni 1996 (Link);
    Rezension von: Jürgen Meyer (Herausgeber): Benchmarking. Spitzenleistungen durch Lernen von den Besten. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart: 1996
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Quellen:
Google
 Google
Émile de Kératry [Anonym]: "Der letzte Napoleon." Autorisierte Ausgabe.  Unbekannter Übersetzer.  Karl Prochaska, Teschen/ Wien/Berlin/ Leipzig: 1872, S. 236 (Link)
 Émile de Kératry [Anonym]: Le dernier des Napoléon.  Lacroix - Verboeckoven, Paris: 1872, S. 240 (Link)
Anonym: "Bismarck intime: The iron chancellor in private life". Übersetzer: Henry Hayward, D. Appleton, New York: 1890, S. 180 (Link)
Sir John Frederick Maurice: "War",  Macmillan, 1891, Motto, S. ii  (Link)
Jürgen Meyer (Herausgeber): Benchmarking. Spitzenleistungen durch Lernen von den Besten. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart: 1996 (zitiert nach FAZ, 3. Juni 1996)
Robert Fieten: "Von den Erfahrungen anderer lernen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juni 1996, Nr. 127, S. 14 (Link)
Wikiquote
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Dank
Die Recherchen von Wikiquote waren wieder einmal sehr hilfreich: Danke.

Artikel in Arbeit.

"Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen." Abraham Lincoln (angeblich)


Dieses Zitat wird außer dem amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln unter anderen auch SocratesMark Twain oder Benjamin Franklin unterschoben.

Der Quote Investigator hat keinerlei seriöse Quellen für das Zitat vor dem Jahr 1906 gefunden und vermutet, der inzwischen unbekannte Autor Maurice Switzer könnte den Aphorsimus geprägt haben. Für Sokrates, Mark Twain oder Lincoln gibt es keinerlei originale Textzeugen für dieses Zitat.

1906
  • "It is better to remain silent at the risk of being thought a fool, than to talk and remove all doubt of it." 
    Maurice Switzer: “Mrs. Goose, Her Book” 
Auf Deutsch taucht das Zitat in den 1980er Jahren auf und wird meistens irrtümlich Abraham Lincoln zugeschrieben.

 

Pseudo-Abraham-Lincoln:

  • "It is better to be silent and be thought a fool than to speak and remove all doubt." 
  • "Es ist besser zu schweigen und als Idiot verdächtigt zu werden, als zu reden und dadurch den Beweis anzutreten."
  • "Es ist besser zu schweigen und als Idiot verdächtigt zu werden, als zureden und dadurch alle Zweifel zu beseitigen."
  • "Es ist besser, zu schweigen und als Narr angesehen zu werden als die Stimme zu erheben und alle Zweifel zu beseitigen. "
  • "Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen."
  
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Quellen:
Quote Investigator: "Better to Remain Silent and Be Thought a Fool than to Speak and Remove All Doubt  Abraham Lincoln? Mark Twain? Biblical Proverb? Maurice Switzer? Arthur Burns? John Maynard Keynes? Confucius? Anonymous?" 2010  (Link)
Wikiquote

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1987
  • "Seine berühmteste Bemerkung zur Verteidigung seiner Schweigsamkeit war: »Es ist besser, zu schweigen und als Narr zu gelten, als zu reden und mit absoluter Sicherheit zu beweisen, daß man einer ist.«  (Link)

Mittwoch, 14. Februar 2018

"Es hat keinen Sinn, eine Mehrheit für die Sozialdemokraten zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein." Willy Brandt (angeblich)





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Artikel in Arbeit.

Danke für den Hinweis, Tobias Blanken.

Dienstag, 13. Februar 2018

"Ein Idiot ist ein Idiot. Zwei Idioten sind zwei Idioten. Zehntausend Idioten sind eine politische Partei.“ Franz Kafka (angeblich)

Dieser Aphorismus klingt gar nicht nach der subtilen Prosa Franz Kafkas und er stammt auch nicht von ihm; der Witz war in Italien schon 1986 bekannt und wurde damals dem italienischen Humoristen Leo Langanesi zugeschrieben. 2003 wurde er dann in einer satirischen Schrift gegen Silvio Berlusconi erstmals Franz Kafka unterschoben (Link).

Der italienische Satiriker ist vielleicht davon ausgegangen, dass seine Leserinnen und Leser die falsche Zuschreibung erkennen. Viele falsche Zitate entstehen aus Satiren, die nicht als Satiren erkannt werden.

Pseudo-Franz-Kafka quote.

Seit ein paar Jahren hat sich dieser Scherz auf der ganzen Welt verbreitet und wird in vielen europäischen Sprachen irrtümlich Franz Kafka zugeschrieben.

Pseudo-Franz-Kafka quote.

Pseudo-Franz-Kafka-Zitat:

  • "One idiot is one idiot. Two idiots are two idiots. Ten thousand idiots are a political party.” 
  • "Un cretino è un cretino. Due cretini sono due cretini. Diecimila cretini sono un partito politico."
  • "Un idiota è un idiota; due idioti sono due idioti. Diecimila idioti sono un partito politico." 
  • "Um idiota é um idiota; dois idiotas são dois idiotas. Dez mil idiotas são um partido político."
  • "Un idiota es un idiota. Dos idiotas, son dos idiotas. Diez mil idiotas son un partido politico".
  • "Un idiot est un idiot; Deux idiots sont deux idiots; Dix mille idiots sont un parti politique."
  • "Ein Idiot ist ein Idiot. Zwei Idioten sind zwei Idioten. Zehntausend Idioten sind eine politische Partei." 
  • "Jedan idiot je jedan idiot. Dva idiota su dva idiota. Deset hiljada idiota je politička partija".
  • "Один идиот это один идиот, два идиота это два идиота, 10 тысяч идиотов это уже целая политическая партия."  

Pseudo-Franz-Kafka quote.

Entwicklung des Aphorismus:

1986, Italienisch, Longanesi
  • "E viene in mente, scusate, la famosa battuta di Leo Longanesi: un cretino è un cretino, due cretini sono due cretini, tre cretini sono tre cretini, ma diecimila cretini sono una forza storica." (Google) (Link)
    ("Und es kommt mir der berühmte Witz von Leo Longanesi in den Sinn: ein Idiot ist ein Idiot, zwei Idioten sind zwei Idioten, drei Idioten sind drei Idioten, aber zehntausend Idioten sind eine historische Kraft.")

1992, Longanesi

  • "Come diceva Longanesi un cretino è un cretino, due cretini sono due cretini, diecimila cretini sono una forza storica."

2003, Kafka
  • "Un cretino è un cretino. Due cretini sono due cretini. Diecimila cretini sono un partito politico." (Franz Kafka)  (Link)

2011, Portugiesisch
  • “Um idiota é um idiota; dois idiotas são dois idiotas. Dez mil idiotas são um partido político”.
    8 de Abril de 2011 – 17:47 hs
       (Link)

2012, Italienisch
  • "Un idiota è un idiota; due idioti sono due idioti. Diecimila idioti sono un partito politico."(Link)
2014, Englisch
2015, Französisch
  • "Un idiot est un idiot; Deux idiots sont deux idiots; Dix mille idiots sont un parti politique."

Pseudo-Franz-Kafka quote.

2015, Spanisch

In den digitaliserten Werken Franz Kafkas ist dieses vor 15 Jahren entstandene Pseudo-Kafka-Zitat - wie zu erwarten - nicht zu finden.

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Quellen:
Google Deutsch
Google English
Carmen Prencipe Di Donna: "Letteratura e sport",  Cappelli: 1986 , S. 120 (Leo Longanesi erstmals zugeschrieben.)
"Berluschenol. 85 g di barzellette sulla politica", Pubblicato da L'Airone Editricem, Roma: 2003, S. 123 (Franz Kafka erstmals zugeschrieben.)  (Link)

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Dank
Ich danke Ronsens für den Hinweis auf dieses Falschzitat.
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Artikel in Arbeit.

Montag, 12. Februar 2018

"Man kann den Armen nicht helfen, indem man die Reichen vernichtet." Abraham Lincoln (angeblich)

Ronald Reagan und viele andere haben diesen Satz Abraham Lincoln zugeschrieben, aber er stammt von Rev. William John Henry Boetcker, einem völlig vergessenen amerikanischen Prediger.

Snopes, 2018:


  • "The Rev. William John Henry Boetcker was a Presbyterian minister and notable public speaker who served as director of the pro-employer Citizens’ Industrial Alliance, a position he held when, in 1916, he produced a booklet of “nuggets” from his lectures, which included maxims such as “We cannot strengthen the weak by weakening the strong” ..." (Link)

 

Zehn Gebote ("The Ten Cannots") von John Henry Boetcker, die Abraham Lincoln unterschoben werden:


  • "You cannot bring about prosperity by discouraging thrift.
    You cannot strengthen the weak by weakening the strong.
    You cannot help little men by tearing down big men.
    You cannot lift the wage earner by pulling down the wage payer.
    You cannot help the poor by destroying the rich.
    You cannot establish sound security on borrowed money.
    You cannot further the brotherhood of man by inciting class hatred.
    You cannot keep out of trouble by spending more than you earn.
    You cannot build character and courage by destroying men’s initiative and independence.
    You cannot help men permanently by doing for them what they can and should do for themselves."
Auf Deutsch gibt es dieses  Pseudo-Abraham-Lincoln-Zitat seit ungefähr zwanzig Jahren; es wird seitdem von Managementratgebern, Online-Zitatlexika, aber auch durch eine Duden-Ausgabe und durch Zeitungen verbreitet.
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Quellen:
Google
Dudenredaktion: Duden - Zitate und Ausspüche, Duden Verlag, 2012, S. 661 (Link) (fälschlich Abraham Lincoln zugeschrieben.)
Wikipedia 
Snopes, 2009, 2018 (Link)

Sonntag, 11. Februar 2018

"Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will.“ Michel de Montaigne (angeblich)

"Nul vent fait pour celuy qui n'a point de port destiné."
Michel de Montaigne

Dieses Zitat des französichen Philosophen Michel de Montaigne  geht auf einen ähnlichen Satz von Lucius Annaeus Seneca in einem Brief an Lucilius aus dem Jahr 64 n. Chr. zurück.

Montaigne, Übersetzungen:

  • 1753: "Wer sich keinem gewissen Hafen vorgesetzet hat, dem ist kein Wind günstig." (Link)
  • 1793: "Wer nach keinem betimmten Hafen steuert, dem ist kein Wind günstig." (Link)
  • 1942: "Kein Wind dient dem Manne, der keinen Hafen ansteuert." (Link)
  • 1957: "Dem weht kein Wind, der keinen Hafen hat, nach dem er segelt."

  • "No wind serves him who has no destined port." (Link)
  • "No wind works for the man who has no port of destination. " (Link)    

Das Zitat Montaignes wird in den letzten Jahrzehnten sehr frei ins Deutsche übersetzt:
  • "Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will."
  • "Kein Wind ist dem günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will."   
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  • "Aucun ne fait certain dessein de et puis y accommoder la main, l'arc, la corde, la fiesche, et les mouvemens. Nos conseils fourvoyent, parce qu'ils n'ont pas d'adresse et de but. Nul vent fait pour celuy qui n'a point de port destiné."
    Michel de Montaigne: Essais. Hrsg. v. Pierre Coste,  P. Gosse u. J. Neaulme, Haye: 1727,
    Livre Second, Chap. I, S. 12 (Link)

  • "Niemand macht einen festen Entwurf für sein Leben, und nur Theilweise nehmen wir es unter unsere Überlegung. Der Bogenschütze muß doch erst wissen, wohin er zielen soll, und dann erst seine Hand, den Bogen, Sehne, Pfeil und Schneller darnach einrichten. Unsre Anschläge sind nichtig, weil sie kein fest bezeichnetes Ziel haben. Wer nach keinem bestimmten Hafen steuert, dem ist kein Wind günstig."
    Michael Montaigne’s Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins Deutsche übersetzt.  F.T. Lagarde, Berlin: 1793, Band 3, Zweytes Buch, 1. Kapitel,  S. 17 (Link)

 Seneca: Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), VIII, Brief LXXI, 3, 64 n. Chr.:

 

  • "ignoranti quem portum petat nullus suus ventus est."

     
  • "Wenn man nicht weiß, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig."
  • "Wer nicht weiß, welchen Hafen er anlaufen soll, bekommt keinen günstigen Wind." 
  • "Für einen, der nicht weiß, welchen Hafen er anlaufen soll, ist kein Fahrtwind günstig." 
  •  "Il n'y a point de vent favorable pour celui qui ne sait dans quel port il veut arrive." (Link)
  • "If one does not know to which port one is sailing, no wind is favorable."
  • "When a man does not know what harbour he is making for, no wind is the right wind."
  • "You Must Know Your Destination Port If You Wish to Catch A Favorable Wind."

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  • "Scire debet quid petat ille qui sagittam vult mittere, et tunc derigere ac moderari manu telum: errant consilia nostra, quia non habent quo derigantur; ignoranti quem portum petat nullus suus ventus est."
    Seneca, Brief LXXI an Lucilius (Link)
  • "Wissen muß, wohin zielt, wer einen Pfeil abschießen will, und dann ausrichten und lenken mit der Hand das Geschoß: In die Irre gehen unsere Pläne, weil sie kein Ziel haben, auf das sie ausgerichtet werden können. Wer nicht weiß, welchen Hafen er anlaufen soll, bekommt keinen günstigen Wind."
    Seneca, Brief LXXI an Lucilius


Oscar Wilde wird der Satz Senecas in der Version, "Günstige Winde kann nur der nutzen, der weiß, wohin er will", unterschoben (Link), wie Garson O'Toole dokumentiert hat (Link).

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Quellen:
Google
Google: Aucun vent ne sert celui qui dirige son voyage vers aucun port certain. "Ungefähr 5 Ergebnisse" 
Garson O'Toole (Quote Investigator): "You Must Know Your Destination Port If You Wish to Catch A Favorable Wind -  Oscar Wilde? Seneca the Younger? Leon Tec?", 2011 (Link)
Lucius Annaeus Seneca: Philosophische Schriften. Vierter Band: Ad Lucilium epistulae morales. An Lucilius Briefe über die Ethik 70—124. Hg. V. Manfred Rosenbach. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1984, S. 21 (Link)
Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), VIII, LXXI, 3  (Link)
Seneca: Letter LXXI: On the supreme good, line 3
L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Hrsg. von Rainer Nickel, Band 1,  Artemis u. Winkler, 2007, S. 416 (Link)
Michel de Montaigne: Essais. Hrsg. v. Pierre Coste,  P. Gosse u. J. Neaulme, Haye: 1727, Livre Second, Chap. I, S. 12 (Link)
Michael Montaigne’s Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins Deutsche übersetzt.  F.T. Lagarde, Berlin: 1793, Band 3, Zweytes Buch, 1. Kapitel,  S. 17 (Link) 
Stefan Zweig: Montaigne. (1941, 1942 verfasst) Hrsg. von Karl-Maria Guth. Contumax, Berlin: 2015, S. 31 (Link)

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Dank:
Ich danke Tacita für den Hinweis auf dieses Zitat.

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Artikel in Arbeit. 


Samstag, 10. Februar 2018

"Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren." Bertolt Brecht (angeblich)

Wandtattoo; Pseudo-Bertolt-Brecht quote.

Dieses heutzutage bei Sportlern und Aktivisten beliebte Sprichwort stammt nicht von Bertolt Brecht, sondern entstand anscheinend in den 1970er Jahren als Sponti-Spruch. (Link) 


Das Zitat wird seit etwa 1993  Bertolt Brecht und später auch anderen Autorinnen und Autoren irrtümlich zugeschrieben; es wurde von einer unbekannten Person in den 1970er Jahren geprägt.

Von Bertolt Brecht stammt der Satz: "Wer den Kampf nicht geteilt hat/ Der wird teilen die Niederlage."

"WER ZU HAUSE BLEIBT, WENN DER KAMPF BEGINNT
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und läßt andere kämpfen für seine Sache
Der muß sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."
Bertolt Brecht, Kolomann Wallisch Kantate (Link) (Link)

 

Entwicklung des Zitats


1706
  • "denn wer nicht kämpft, trägt auch die Cron des ew'gen Lebens nicht davon."  (Link)
1970er Jahre, Sponti-Spruch

  • "Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren. "
  • "Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, kann nicht gewinnen." (Link) 

1984, Buchtitel
  • "Hans Ziegenfuß ua.: »Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren« VSA Verlag, Hamburg: 1984 (Link)

1985, Filmtitel
  • "Wie leicht das schief gehen kann, weiß Kluge: Es gibt einen Filmtitel von Günther Hörmann: 'Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren'. Wenn wir 's probieren, kann es sein, daß wir scheitern, und zwar aufgrund der Widersprüche unserer Produktionsstruktur." (Link)

1986, Buchtitel
  • "Anke Martiny: Wer nicht kämpft, hat schon verloren: Frauen und der Mut zur Macht Cover  Rowohlt, 1986" - (Link) 

1986, Kluge
  • "Wie sagt Alexander Kluge? Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Die SPD wird kämpfen. Die werden sich noch wundern." (Link)

1993, Bertolt Brecht
  • "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren", hat Bertolt Brecht gesagt." (Link) 

2004
  • "Auf seinem hellblauen T-Shirt steht: 'Wer kämpft, kann verlieren! Wer nicht kämpft, hat schon verloren!'" 

2004
  • "Bestätigt hat sich die alte Weisheit: Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren. Ich möchte hinzufügen: Wer kämpft, kann auch gewinnen!" (Link)  

2009
  • "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Zitat wird mehreren erfolgreichen Menschen zugeschrieben". (Link)
2012
  • "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. - Berthold Brecht" 

2017, Rosa Luxemburg
  • "Doch bei der Verhandlung hatte er gesagt, dass ihm die offizielle Feststellung, dass man ihm Unrecht getan habe, genüge, und dass er damit seinem Wahlspruch: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, tatsächlich gefolgt sei. Der Wahlspruch wird oft Bertolt Brecht zugewiesen, stammt jedoch von Rosa Luxemburg." (Link) 

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Quellen:
Das Zitat wird in vielen Online-Zitatsammlungen fälschlich Bertolt Brecht zugeschrieben: Google 
Wikipedia 
Hans Ziegenfuß ua.: Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. VSA Verlag, Hamburg: 1984 (Link)
Anke Martiny: Wer nicht kämpft, hat schon verloren: Frauen und der Mut zur Macht Cover.  Rowohlt, Reinbek: 1986 (Link)

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Artikel in Arbeit. 

Samstag, 3. Februar 2018

"Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott ..." Theodor Körner (angeblich)


Pseudo-Theodor-Körner quote.

Der 21jährige deutsche Dichter Theodor Körner starb im Sommer 1813 im Kampf gegen napoleonische Truppen. 200 Jahre später ist er anscheinend zum Lieblingsdichter von FPÖ- und AfD-nahen Gruppierungen geworden.

Er war auch ein Held der Nationalsozialisten, allerdings wurden einige seiner Gedichte auch von Nazigegnerinnen wie Marlene Dietrich und Widerstandskämpfern der "Weißen Rose" gerne zitiert.

Die "Bewegung Theodor Körner, 1813" zum Beispiel sagt "den linken Volksverhetzern den Kampf an",  liest man auf einer FPÖ-nahen Seite und diese Körner-Bewegung mit der Devise, "Sachlichkeit hat bei uns oberste Priorität", zitiert in ihrem Werbetext  dieses um 1990 erfundene Theodor-Körner-Gedicht (Link).

Ob diese politische Initiative für wahre Berichterstattung, die sich 'Bewegung' nennt und auch mit der Berliner Reichstagsaufschrift "Dem deutschen Volke" (Link) wirbt -, ob diese "Bewegung Theodor Körner, 1813" auch echte Gedichte Theodor Körners schätzt, ist ihrer Webseite nicht zu entnehmen.

Dieses Falschzitat entstand laut Wikipedia-Recherchen am 21. (!) April 1990 bei einer Großveranstaltung im Münchner Löwenbräukeller:

1990
  • "Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten,
    vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott.
    Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten,
    dann richtet das Volk und es gnade euch Gott."
    Unbekannte Autorin, um 1990, fälschlich Theodor Körner zugeschrieben

Warum Körners rechte Fans ihm heutzutage falsche Zitate wie dieses unterjubeln, weiß ich nicht; vielleicht wollen sie ihre Verschwörerweltsicht ("vom Feinde bezahlt") und ihrer Drohung gegen die Regierung mit einer poetischen Lizenz Autorität verleihen.

In den Schriften Theodor Körners sind diese Verse nicht enthalten.

Verbreitet wird dieses Pseudo-Theodor-Körner-Zitat zum Beispiel von H. C. Strache, FPÖ (Link), Jürgen Pohl, AfD (Link), von rechten Webseiten wie unzensuriert.at (Link) und seit etwa 10 Jahren auch durch Bücher (Link).

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Facebook, 18. Januar 2012: "Theodor Körner (1791-1813) ... Gedanken zur Eurokratie?"


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Twitter, 21. Januar 2018:
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Quellen:
Google:  "Ungefähr 4 850 Ergebnisse" 
Wikipedia:  "Am 23. September 2016 publizierte die AfD-nahe Gruppierung Björn HöckesDer Flügel“ Körners Satz „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ mit dem obigen Spruch."
Eine Fassung von Theodor Körners verändertem Gedicht "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los": Youtube, 13. Dezember 2015  (Link);  das Original-Gedicht Theodor Körners: (Link)
 unzensuriert.at, 12. September 2015, "Der Widerstand formiert sich: 'Bewegung Theodor Körner, 1813'" (Link)
Theodor Körner: (Link) 

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Artikel in Arbeit. (Ich gestehe: Die unfreiwillige Komik der Sache hat mich amüsiert.)

"Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält." Marie von Ebner-Eschenbach (angeblich)

  •  Friedrich Hebbel, 1862

    "...
    Dies Oesterreich ist eine kleine Welt,
    In der die große ihre Probe hält,
    Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht,
    So wird's auch in der andern wieder licht.
    Drum eilt, ihr wirkt ja für die gold'ne Zeit,
    Denn nicht im Dunkel der Vergangenheit
    Soll man sie suchen, vor uns liegt sie da.
    Einst wird geschehen, was noch nie geschah.
    Schaut hin auf Pericles und sein Athen
    Und fragt euch selbst: wie wird's auf Erden steh'n,
    Wenn die vereinten Kräfte des Geschlechts
    Sich rühren in dem Segen gleichen Rechts,
    Und wenn sich der Planet mit Blüten krönt,
    Wie sie das Beet, das Hellas hieß, verschönt'."

    Friedrich Hebbel: Prolog zum 26. Februar 1862 (Zu Wien im Operntheater gesprochen.) (Link)


Dieses in Österreich geflügelte Zitat von Friedrich Hebbel wird manchmal irrtümlich Josef Weinheber, Franz Grillparzer oder Marie von Ebner-Eschenbach zugeschrieben und wird fast nie in dem optimistischen Zusammenhang der Festrede zum Jahrestag der Verfassung (Februarpatent 1861), der im Operntheater am Kärnthner Tor gefeiert wurde, zitiert.

Wenn Karl Kraus 1914 von "dieser Versuchsstation des Weltirrsinns" und der "österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs" schreibt, ist aller Optimismus des Festredners Hebbel über die Zukunft Österreichs als Probebühne der Welt verschwunden.

Pseudo-Marie-von-Ebner-Eschenbach quote.
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 Quellen:
Google
Friedrich Hebbel's sämmtliche Werke, Band 7 Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg: 1867, S. 280 (Link)
Karl Kraus: "Die Fackel", 1914, Nr. 398, S. 17, Nr. 400, S, 2, 46
Österreichische Akademie der Wissenschaften, AAC: DIE FACKEL von Karl Kraus (digitale Edition)